Der Filmregisseur und Autor Michael Moore (Roger & Me, Bowling for Columbine, Stupid White Men, Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte) hielt am Sonnabend eine halbstündige Rede vor Tausenden Demonstranten in Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin:
Im Gegensatz zu dem, was die Machthaber euch glauben machen wollen, damit ihr auf eure Rente verzichtet, selbst eure Löhne kürzt und euch mit einem Lebensstandard aus der Zeit eurer Großeltern zufrieden gebt, ist Amerika nicht pleite. Bei weitem nicht. Das Land quillt über vor Reichtum und Geld. Das Problem ist nur, daß es nicht in eure Hände gelangt. In einem der größten Raubzüge in der Geschichte ist der Reichtum von den Arbeitern und Konsumenten zu den Banken und Portfolios der Superreichen transferiert worden.
Heute verfügen nur 400 Amerikaner über den gleichen Reichtum wie die Hälfte aller US-Bürger zusammen.
Laßt mich das wiederholen: 400 absolut reiche Leute, von denen die meisten auf die eine oder andere Weise von der Multibillionendollar-Rettungsaktion des Jahres 2008 aus Steuermitteln profitierten, verfügen jetzt über genausoviel Zaster, Aktien und Eigentum wie das Vermögen von 155 Millionen US-Amerikanern zusammengenommen. Wenn ihr es nicht über euch bringt, das einen finanziellen Putsch zu nennen, dann seid ihr einfach nicht ehrlich bezüglich dem, was ihr im tiefsten Innern als Wahrheit empfindet.
Gute Jobs
Mir ist schon klar, warum das so ist. Zuzugeben, daß wir einer kleinen Gruppe von Leuten erlaubt haben, sich mit dem Großteil des Reichtums, der die Grundlage unserer Wirtschaft ist, davonzumachen und ihn bei sich zu horten, zöge das entwürdigende Eingeständnis nach sich, daß wir unsere geschätzte Demokratie in der Tat der vermögenden Elite ausgeliefert haben. Wall Street, die Banken und die »Fortune 500« (Liste der umsatzstärksten US-Gesellschaften – d. Red.) regieren diese Republik. Und, bis zum letzten Monat, fühlte sich der Rest von uns absolut hilflos und unfähig, einen Weg zu finden, daran etwas zu ändern.
Ich habe nur einen Highschool-Abschluß. Aber als ich noch zur Schule ging, mußte jeder Schüler als Voraussetzung für den Abschluß ein Semester Wirtschaftslehre belegen. Und dabei habe ich gelernt: Geld wächst nicht auf Bäumen. Es wächst uns zu, wenn wir etwas tun. Es wächst uns zu, wenn wir gute Jobs mit guten Löhnen haben, mit denen wir die Dinge kaufen, die wir zum Leben brauchen, wodurch wir wieder neue Jobs schaffen. Geld wächst uns zu, wenn wir für ein hervorragendes Bildungssystem sorgen, das eine neue Generation von Erfindern, Unternehmern, Künstlern, Wissenschaftlern und Denkern hervorbringt, die neue großartige Ideen für diesen Planeten entwickeln. Und mit diesen neuen Ideen werden neue Jobs geschaffen, die dem Staat neue Einnahmen erschließen. (…)
Meinungsmache
Unsere Nation ist nicht pleite. Wisconsin ist nicht pleite. Wer behauptet, das Land sei pleite, wiederholt nur eine der drei größten Lügen dieses Jahrzehnts: 1. Amerika ist pleite; 2. Irak hat Massenvernichtungswaffen; und 3. Ohne Brett Favre können (Wisconsins – d. Red.) Green Bay Packers nicht den Super Bowl gewinnen.
In Wahrheit ist sehr viel Geld im Umlauf. Sehr viel. Der Reichtum wurde nur von denen, die das Sagen haben, in einen tiefen Brunnen umgeleitet, der sich auf ihrem eigenen, gut geschützten Grund und Boden befindet. Die wissen, daß sie dabei Verbrechen begangen haben, und ihnen ist auch klar, daß ihr eines Tages etwas von dem Geld, das einst euch gehörte, zurückhaben wollt. Deshalb haben sie Hunderte von Politikern im ganzen Land gekauft und sie zu ihren Fürsprechern gemacht. Wenn alles schiefgeht, haben sie immer noch ihre bewachten Wohnanlagen, und der Luxusjet steht vollgetankt und mit laufenden Triebwerken startklar für den Tag bereit, von dem sie hoffen, daß er niemals kommen möge. Um den Tag abzuwenden, an dem das Volk sein Land zurückfordert, haben die Reichen zwei schlaue Maßnahmen ergriffen:
1. Sie kontrollieren die Meinungsmache. Da ihnen der Großteil der Medien gehört, konnten sie mit geringem Aufwand viele US-Bürger davon überzeugen, ihnen ihre Version des amerikanischen Traums abzukaufen und für die von ihnen gekauften Politiker zu stimmen. Dieser Traum besagt, daß auch ihr vielleicht eines Tages zu den Reichen des Landes gehören werdet – denn dies ist Amerika, das Land, in dem angeblich alles möglich ist, wenn ihr es nur wollt! Sie lieferten glaubhafte Beispiele dafür, daß auch ein Junge aus einfachen Verhältnissen ein reicher Mann und das Kind einer alleinerziehenden Mutter aus Hawaii US-Präsident werden kann. (…) Die Botschaft ist klar: Kümmert euch nur um euch, klotzt rein, stiftet keine Unruhe und wählt die Partei, die die Reichen schützt, zu denen ihr vielleicht selbst eines Tages gehören werdet.
2. Sie haben eine giftige Pille entwickelt, von der sie wissen, daß ihr sie niemals schlucken wollt. Das ist ihre auf die Wirtschaft angewandte Version der Mutually Assured Destruction (wechselseitige gesicherte Zerstörung – d. Red.), der Bereitschaft zum nuklearen Overkill. Als sie im September 2008 damit drohten, diese ökonomische Massenvernichtungswaffe einzusetzen, gaben wir klein bei. (…) Wall Street drohte: Entweder ihr übergebt uns Billionen von Steuer-Dollars, oder wir fahren die Wirtschaft an die Wand. Schiebt die Kohle rüber, oder sagt Goodbye zu euern Sparkonten, zur Altersversorgung, zur Staatskasse, zu Jobs, Eigenheimen und zu eurer Zukunft. Das war verdammt furchteinflößend, und jeder machte sich vor Angst in die Hosen: (…)
Die Manager in den Vorstandsetagen und Hedgefonds konnten kaum ihr klammheimliches Lachen verbergen, und schon nach drei Monaten schrieben sie sich gegenseitig wieder enorm hohe Bonusschecks aus und staunten darüber, wie perfekt sie es dieser Nation von Trotteln gegeben hatten. Millionen hatten schon ihre Jobs verloren, weitere Millionen verloren ihr Zuhause. Trotzdem gab es keine Revolte (siehe Punkt 1).
Nur der Anfang
Bis jetzt. (…) Ihr in Wisconsin habt den schlafenden Riesen geweckt, die Werktätigen der USA. Schon bebt die Erde unter den Füßen derer, die das Sagen haben. In allen 50 US-Bundesstaaten sind viele Menschen von eurer Botschaft begeistert, die da lautet: Wir haben die Schnauze voll! Soll uns niemand mehr weismachen, Amerika sei pleite oder bankrott. Das Gegenteil ist der Fall! Wir sind reich an Talenten und Ideen, haben den Willen, etwas anzupacken, und wir empfinden Liebe und Mitgefühl für all jene, die unverschuldet in Not geraten sind. Auch sie sehnen sich nach dem, wonach wir alle uns sehnen: Wir wollen unser Land zurück! Wir wollen unsere Demokratie zurück! (…)
Wie können wir das schaffen? Nun, mit ein wenig Ägypten hier und ein wenig Madison da. Halten wir einen Moment inne und erinnern uns daran, daß es ein armer Tunesier mit einem Früchtestand war, der sein Leben dafür gab, damit die Welt ihr Augenmerk darauf richte, daß eine von Milliardären für Milliardäre geführte Regierung ein Affront ist gegen Freiheit, Moral und Humanität.
Danke, Wisconsin! (…) Drei Wochen habt ihr in der Kälte ausgeharrt, auf dem Boden geschlafen, seid hinüber nach Illinois marschiert. Ihr habt getan, was notwendig war, und eins ist sicher: Madison ist nur der Anfang. Die selbstgefälligen Reichen haben den Bogen überspannt. Weil sie sich nicht zufrieden gaben mit dem Geld, das sie aus der Staatskasse geraubt haben. Es reichte ihnen auch nicht, Millionen von Arbeitsplätzen nach Übersee auszulagern, um die Armen dort auszubeuten. Nein, sie wollten immer mehr – etwas, woran es all den Reichen in der Welt mangelt: Sie wollten unsere Seelen haben. Sie wollten uns unsere Würde nehmen. (…)
Und das, meine Freunde, ist der verhängnisvolle Irrtum, dem das Amerika der Unternehmer unterliegt. Jedoch haben sie mit ihrem Versuch, uns zugrunde zu richten, dafür gesorgt, daß eine Bewegung entsteht – eine Bewegung, die dabei ist, sich als eine massenhafte gewaltlose Revolte im Land auszubreiten. Eigentlich ahnten wir, daß eines Tages ein Wendepunkt kommen würde, und diesen Punkt haben wir nun erreicht. Viele Leute in den Medien begreifen das nicht. Sie räumen ein, die Entwicklung in Ägypten habe sie unvorbereitet getroffen. Nun geben sie sich erneut überrascht und perplex darüber, warum in den letzten drei Wochen trotz des harten Winters so viele Hunderttausende nach Madison gekommen sind. (…)
Amerika ist nicht pleite! Kaputt ist nur der moralische Kompaß der Herrschenden. Und uns geht es darum, den Kompaß zu reparieren und das Boot von jetzt an selbst zu steuern. Vergeßt niemals, solange unsere Verfassung besteht, gilt »eine Person, eine Stimme«. Und das ist auch genau das, was die Reichen am meisten hassen an Amerika, denn selbst wenn sie das ganze Geld und die Macht in ihren Händen halten, müssen sie widerwillig einsehen: Sie sind die Minderheit, die Mehrheit sind wir!
Übersetzung: Jürgen Heiser
www.michaelmoore.com/words/mike-friends-blog/america-is-not-broke
Von Michael Moore
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